von Andreas
Überall in den sozialen Medien sehe ich derzeit Beiträge mit Kameras von Leica. Besonders die Messsuchermodelle der M-Serie scheinen allgegenwärtig zu sein. Es genügt bereits die einmalige Eingabe des Suchbegriffs bei YouTube und schon ist man in der Blase gefangen. Plötzlich tauchen unzählige Videovorschläge zum Thema Leica auf. Ich kann nicht leugnen, dass mich das Thema ebenfalls in seinen Bann gezogen hat. Nun war auch ich Teil der Bubble.
Nachdem ich fast ein Jahr lang immer wieder auf den gängigen Portalen nach analogen Leica M Kameramodellen geschaut hatte, entschied ich mich für einen anderen Weg. Ich lieh mir eine M6 zusammen mit dem 35mm Summicron. Dabei handelte es sich um die legendäre und viel gelobte Version 4 des Objektivs. Leider lief beim Versand mit DHL einiges schief. Das führte dazu, dass ich die Kamera am Ende nur für einen einzigen Nachmittag zur Verfügung hatte.
Mein ursprünglicher Plan sah eigentlich ein ganzes Wochenende vor. Ich wollte einen Schwarzweißfilm und einen Farbnegativfilm belichten. Da mir nun nur dieser eine Nachmittag blieb, entschied ich mich für eine mir bekannte Location und den Fomapan 400. Um die optische Leistung des Objektivs wirklich auszukosten, hätte ich einen feinkörnigeren Film wählen sollen. Ich wollte an diesem Tag jedoch bewusst den analogen Filmlook mit seinem organischen Korn haben. Also zog ich los.
Mein Ziel war ein Lost Place. Dieser liegt nur etwa zehn Minuten von meinem Zuhause entfernt. Es ist schon ein eigenartiges Gefühl, wenn man mit einer derart teuren Kamera in einer heruntergekommenen Industrieanlage unterwegs ist. Wenn man dies dann nach einer gewissen Zeit vergessen oder verdrängt hat, dann merkt man wie gut sich die M6 anfühlt. Ja man kann sagen, dass man deutsche Wertarbeit spürt. Auch ohne einen ausgeprägten Handgriff, wie man ihn bei SLR’s oder DSLR’s vorfindet, liegt die Kamera sehr gut in der Hand.
Es war das erste Mal, dass ich mit einem Messsucher fotografiert habe. Durch die vielen YouTube-Videos hatte ich bereits eine genaue Vorstellung davon, was zu tun war. Anhand der entwickelten Bilder würde ich auch sagen, dass mir das Fokussieren gelungen ist. Ich habe allerdings bewusst auf Offenblende verzichtet. Die Tiefenschärfe war dadurch groß genug, sodass ein Fehlfokus kaum zu sehen gewesen sein dürfte.
Da ich die Location bereits kannte, hatte ich die Motive direkt im Kopf und konnte vor Ort sofort loslegen. Noch nie hatte ich einen Film so schnell voll. Der Prozess war immer gleich. Ausschnitt wählen, fokussieren, Belichtung einstellen und auslösen. Das habe ich genau 36 Mal gemacht. So schnell kann es vorbei sein.
Es gab einige Dinge, die mir sehr gut gefallen haben. Dazu gehört das wertige Gefühl des Gehäuses und des Objektivs. Auch die Fokussierung mit dem Fokus-Tab und dem Zeigefinger geht wirklich gut von der Hand. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Bewegungsablauf ins Muskelgedächtnis übergeht, wie es viele erfahrene Leica-Fotografen oft berichten. Das Erlebnis mit dem Messsucher ist einfach etwas ganz anderes als mit einer Spiegelreflexkamera. Zudem hat der Belichtungsmesser gut funktioniert und die Belichtung ist in meinen Augen sehr gut gelungen.
Es gab jedoch auch Punkte, die mir weniger gut gefallen haben. Für Brillenträger ist der Sucher nicht mit einem einzigen Blick zu überschauen. Das betrifft vor allem die 35mm Sucherlinien. Bei den 50mm Sucherlinien sieht dies schon wieder anders aus. Außerdem war der Nachmittag viel zu schnell vorbei und die Leihe war insgesamt zu kurz.
Mein kleines Fazit fällt daher gemischt aus. Die M6 ist eine wunderschöne Kamera für Fotografen, die dafür die richtigen Motive haben. Ihre Stärken spielt die Kamera im Bereich Reportage, Street und vielleicht auch in der Porträtfotografie aus. Da ich jedoch sehr viel in der Naturfotografie unterwegs bin, kann die Kamera ihre Stärke bei mir nicht ausspielen. Gerade die minimale Fokusdistanz würde mir zu schaffen machen. Ich gehe sehr gern nah an meine Motive heran und arbeite mit geringer Tiefenschärfe.
Die M6 wäre bei mir folglich eine Kamera für ganz spezielle Fototouren wie Lost Places oder die Reportage meines Alltags mit der Familie. Dafür ist es mir ein zu großes Investment. Daher werde ich mir keine Leica M6 kaufen, zumindest vorerst nicht. Es scheint fast so, als hätte mich der Leica-Virus nicht infiziert. Oder vielleicht einfach noch nicht.

















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